Kunsträtsel 45
Dieses Mal geht’s wieder recht weit zurück in die Vergangenheit. Ich suche nach einem Mann, der in verschiedensten Bereichen brillierte. Nach Meinung eines Kommentators soll er nur als Maler nicht so gut gewesen sein – sonst konnte er aber (fast) alles.
Ein bedeutender Historiker des 19. Jahrhunderts hat begeistert über ihn geschrieben, dass er u.a. ein großartiger Sportler gewesen sei – mit geschlossenen Füßen soll er über die Schulter von Leuten gesprungen sein. Im Dom soll er eine Münze so hoch ins Gewölbe geworfen haben, dass man hörte, wie sie gegen die Rundung schlug. Dazu war er ein ausgezeichneter Reiter. Es wird gesagt, dass er den Menschen im Gehen, Reiten und Reden untadelhaft erscheinen wollte.
Dazu komponierte er und sein Orgelspiel im Dom wurde allgemein gelobt. Zunächst hatte er Jura studiert, wandte sich aber dann der Physik und Mathematik zu. Nebenbei zeichnete und modellierte er. Und dann schrieb er auch noch mehrere Bücher zu verschiedenen Themen. Er soll dazu Künstler, Gelehrte und Handwerker – bis hin zu Schustern – nach ihren Geheimnissen und Erfahrungen befragt haben. Einzigartig in seiner Zeit aber wurde er als Theoretiker der Malerei, Skulptur und Architektur. Als Kleriker und langjähriger Angestellter der päpstlichen Kanzlei entwickelte er sich darüber hinaus durch sein theoretisches und praktisches Studium der römischen Antike und durch seinen Zugang zu den führenden Humanistenkreisen zum größten Fachmann seiner Zeit für die antike Baukunst.
Dabei soll er auch noch recht angenehm in seinem Verhalten anderen Menschen gegenüber gewesen sein – kurz er war eine Ausnahmeerscheinung selbst in der Zeit, die viele Universalgenies hervorgebracht hat.
Seine Kenntnis der antiken Architektur befähigte ihn denn auch, einige exemplarische Bauwerke zu schaffen. Und so suche ich dieses Mal nach einer Kirche, für die er zwar nur die Fassade geschaffen hat – die Kirche stand schon, als er den Auftrag erhielt – aber seine Gestaltung der Fassade ist so gelungen, dass sie exemplarisch für viele nachfolgende Gebäude ist. Er hat es geschafft, die alte Struktur des Untergeschosses mit den Grabnischen weitgehend zu übernehmen, und die Teile darüber dann in seiner – eben an antiken Vorbildern orientierten Weise – zu vollenden.
Typisch sind dabei geometrische Formen, die die flache Wand betonen. Man sieht Rechtecke, Quadrate, Kreise und Rundbögen. Eine Besonderheit sind die beiden Voluten, die eine Verbindung zwischen der Horizontalen und der Vertikalen schaffen und so zwischen den Geschossen vermitteln. Das Ganze sieht so selbstverständlich aus, dass man beim Betrachten sich gar nicht mehr vorstellen kann, dass diese Fassade in der damaligen Zeit eine große Besonderheit war.
Wer ist das Universalgenie und für welche Kirche hat er die großartige Fassade geschaffen?
Zu gewinnen gibt es dieses Mal eine Zeichnung, die ich vor einigen Jahren bei San Pietro in Venedig gemacht habe. San Pietro war die alte Bischofskirche (also der Dom) von Venedig – und sie liegt ziemlich weit vom eigentlichen Zentrum entfernt – daran kann man gut sehen, dass die Stadtoberen mit dem Bischof als dem vom Papst gesandten Vertreter nicht so viel zu tun haben wollten. Es ist eine ruhige Gegend, und es lohnt sich, beim nächsten Besuch von Venedig einmal dorthin zu gehen und sich von dem Charme der Umgebung gefangen nehmen zu lassen.
Viel Spaß beim Rätseln.



