Kunsträtsel 47
Der Künstler, nach dem ich dieses Mal suche, würde heute sicher als ‚queer‘ bezeichnet werden – und so wie er gelebt hat, würde er das sicher als durchaus positiv und angemessen angesehen haben. Obwohl Homosexualität in seiner Zeit unter Strafe stand, wurde er vom Papst sogar zum Ritter geschlagen. Er hatte auch keine Probleme damit, sich selbst mit dem Wort zu benennen, das damals für schwule Männer gewählt wurde. Er liebte den Luxus, schöne Jünglinge, exotische Tiere, und er war offenbar auch ein sehr witziger Mensch, Und so wird er heute in der Kunstgeschichte unter diesem ‚Spitznamen* geführt.
Es gibt ein Selbstbildnis von ihm, das zeigt, um was für einen Menschen es sich bei ihm handelte. Er hatte den Auftrag, in einem Kloster das Leben des Ordensheiligen zu malen. Dabei malte er sich selbst so in eines der Bilder hinein, dass er wichtiger erscheint als die eigentliche Hauptperson. Er zeigt sich in einen kostbaren Mantel gehüllt und mit einem Schwert an der Seite. Zu seinen Füßen befinden sich Dachse. Fast schalkhaft schaut er den Betrachter an.
Wie schon der beim letzten Mal gesuchte Künstler arbeitete auch er sehr schnell und virtuos. „Sehr selten nur ritzte er die Contouren nach dem Carton vor, und selbst wo er dies tat, richtete er sich nie gern darnach. Frei, wie seine Hand ging, schuf er bei der Ausführung seine Gestalten von Neuem.“
Er stammte aus keiner Künstlerfamilie – sein Vater war Schuhmacher. Mit dreizehn Jahren kam er in die Lehre eines damals bekannten Künstlers. Später aber sah er Meisterwerke der ganz großen Künstler seiner Zeit. Und wie man an seinen eigenen Bildern sehen kann, war er durchaus in der Lage, das, was ihm erstrebenswert schien zu übernehmen und in seine eigenen Werke zu integrieren.
Das zeigt sich auch an dem dieses Mal gesuchten Bild. Ein junger, bis auf ein Tuch um die Hüften nackter Mann ist an einen Baumstamm gefesselt, der sich nach oben teilt.
Der Oberkörper ist zur Seite und nach vorn geneigt, Offensichtlich hat der Mensch heftige Schmerzen. Dagegen ist der Kopf gerade aufgerichtet, er schaut nach oben in den Himmel. Direkt über ihm fliegt ein Engel herab, der in den Händen eine Krone hält, die er ihm auf den Kopf setzen wird. Von ihm gehen Lichtstrahlen aus, die den Himmel an dieser Stelle aufreißen.
Besonders ist die weiche Farbigkeit des Bildes. Bis auf wenige Ausnahmen im Himmel und in der Ferne dominieren unterschiedliche Brauntöne. Der Körper ist durch ein grenzenlos ineinander übergehendes Hell – Dunkel fein moduliert. Auch die Landschaft hinter der dominanten Gestalt im Vordergrund ist vollständig durchgearbeitet.
Wer ist der Künstler mit seinem ‚Spitznamen‘? Wen hat er hier meisterhaft dargestellt?
Zu gewinnen gibt es dieses Mal eine Zeichnung, die ich vor langer Zeit in Venedig bei einem Konzert in San Rocco gemacht habe. Der Christus hatte es mir damals angetan, wie er so ausgesprochen schön, fast tänzerisch dargestellt ist.
Viel Spaß beim Rätseln



